Die Briefmarke als Wertanlage?

thumb Two PenceFür 1,053 Millionen Pfund inklusive Aufgeld wurde sie Ende Juni 2011 in London versteigert – die legendäre „Blaue Mauritius“. Zugeschlagen hatte man die 2-Pence-Marke mit der Aufschrift „Post Office“ für 900.000 Pfund. Weltweit sind nur noch 12 Exemplare dieser Marke bekannt. Das gebrauchte Exemplar, das bei Spink unter den Hammer kam, erzielte damit ein Rekordergebnis für eine Einzelmarke aus dem großbritannischen Raum.

 

Bringt man nun noch die Provision für den Auktionator in Abzug, ergibt sich ein Reinerlös von etwa 800.000 Pfund für den Einlieferer. Bei einem Ankaufswert von rund 29.000 Pfund im Jahre 1972 ist das ein Ertrag von 771.000 Pfund, also etwa 857.000 Euro. Hätte man in Deutschland im Jahre 1972 rund 230.000 DM – das entsprach damals etwa 29.000 Pfund – in Bundesanleihen angelegt, käme man bei einem durchschnittlichen Zinssatz von 6% auf rund 1.542.000 DM im Jahr 2011. Das wären etwa 782.000 Euro. Steuerliche Gegebenheiten sind in dieser kleinen Vergleichsrechnung nicht berücksichtigt, ebenso wenig die Gegebenheiten bei einer konservativen Anlage in Großbritannien. Das Beispiel zeigt aber, dass der Einlieferer sicher nicht schlecht gefahren ist.

 

Die „Blaue Mauritius“ – sie ist also eine philatelistische Rarität, die nicht nur ein historisches Zeitdokument, sondern auch eine finanziell hochinteressante Geldanlage darstellt. Lässt sich dieses Beispiel aber generalisieren? Eignen sich Briefmarken als Anlagealternative neben Bank und Börse? Im Wirtschaftsmagazin „Capital“ ist im Frühjahr diesen Jahres ein lesenswerter Artikel erschienen, der verschiedene Sammelobjekte auf Ihre Eignung als Kapitalanlage untersucht. Im Vergleich mit Wertpapieren schneiden Briefmarken laut "Capital" gut ab – wenn sie auch hinter Wein, Kunst und Oldtimern liegen. Wie muss eine Briefmarke aber beschaffen sein, um sich als Kapitalanlage zu eignen?

 

Wann hat eine Sammlung Aussichten auf Preisstabilität oder sogar Wertsteigerung? Eines ist dabei ganz wichtig: Die Briefmarke gibt es nicht. Ob ein Postwertzeichen langfristig eine Chance auf positive Wertentwicklung hat, hängt ganz entscheidend von seiner Qualität ab, also davon, ob es wirklich fehlerfrei ist. Aller-dings sollte man bei der Beurteilung der Qualität immer vom Zustand der Marke bei ihrer Ausgabe ausgehen und die Bedingungen ihrer Produktion, ihr Material und die Umstände ihrer Verwendung berücksichtigen. Man kann zum Beispiel von einer Marke, die auf reißschlechtem Papier gedruckt wurde, keine brillante Zähnung verlangen. Fachkataloge geben Auskunft über Qualitätsstandards und -anforderungen der einzelnen Sammelgebiete. In der Regel sollte bei gezähnten Marken die Zähnung allseits vollrandig sein, bei geschnittenen Marken darf der Schnitt das Markenbild nicht berühren, postfrische Qualität setzt vollkommen unberührte Gummierung voraus, Marken mit Falz dürfen nur einen sauberen Erstfalz haben. Gestempelte Marken sollten einen sauber abgeschlagenen, eindeutig identifizierbaren Stempel aufweisen. Eine überdurchschnittliche und damit selten anzutreffende Erhaltung führt natürlich auch zu einem Plus im Preis.

 

Und hier sind wir schon beim zweiten wichtigen Kriterium: Je seltener und nachgefragter eine Marke oder eine bestimmte Erhaltung ist, desto höher sind auch die Chancen auf positive Entwicklung. Ausgefallene Exemplare wie Abarten, seltene Farbtypen oder Bogenrandphänomene sind in aller Regel die gesuchteren Sammelstücke und damit auch die „wertvolleren“; von Postwertzeichen in Millionenauflage sollte man auch langfristig keine Wertsteigerung erwarten – auch auf dem philatelistischen Markt gelten die Regeln von Angebot und Nachfrage. Von entscheidender Wichtigkeit ist hier, nur geprüfte Sammelstücke zu erwerben, d.h. Stücke, die von einem „Echtheitszertifikat“ des jeweils zuständigen Prüfers begleitet sind. Je exklusiver ein Stück, desto reger ist leider auch die Fälschungstätigkeit; ein Prüfattest schützt vor dieser Falle.

 

Um eine Sammlung aufzubauen, die sich als Wertanlage eignet, sollten wir also bereit sein zu investieren. Wenn wir beim Ankauf auf Schnäppchenjagd gehen, ohne weiter auf Qualität (oder vielleicht sogar Exklusivität) zu achten, sollten wir uns nicht wundern, wenn dabei kein Senkrechtstarter herauskommt. Qualität hat immer ihren Preis. Das heißt nun aber keineswegs, dass wir für ein vielversprechendes Stück eine Summe wie in unserem Eingangsbeispiel investieren müssen! Die Erfahrung zeigt, dass ein ausgefalleneres Stück (vielleicht ein besonders schöner Zeppelin-R-Flugpostbrief nach Recife mit sauberem Sonderstempel), das im Einkauf zwischen 200 und 1000  € kostet, nach relativ kurzer Zeit, etwa nach 5 bis 6 Jahren, gute Chancen hat, für 1500  € weiterverkauft zu werden. Ein Stück, das im Einkauf schon 5000 €  kostete, wird wahrscheinlich erheblich längere Zeit brauchen, um eine prozentual vergleichbare Wertsteigerung zu erzielen. Ein weiteres Beispiel aus dem langfristigen Anlagebereich: Bayerns erste Briefmarke, der „Schwarze Einser“ kostet heute ungebraucht je nach Type zwischen 1300 und 6000 €, bei einem Kauf vor fünfzig Jahren hatte man zwischen 450 und 900 Mark investieren müssen.

 

thumb Schwarzer Einser

Der philatelistische Markt ist ein Nischenmarkt – exklusivere Stücke finden jedoch immer eine stabile Zielgruppe und sind damit auch eine stabile Anlageform, die durchaus gute Chancen auf Wertsteigerung bietet. Aktien und Fonds sind hier die kritischeren Alternativen. Eines sollte man allerdings nicht vergessen: In diesem Nischenmarkt braucht man Fingerspitzengefühl, Durchhaltevermögen und vor allem umfassende Fachkenntnisse, um die richtige Auswahl im Einkauf zu treffen. Schließlich muss man wissen, worauf es ankommt, was ein Stück zu etwas Besonderem macht und wo die versteckten Fußangeln liegen. Eine intensive Lektüre der einschlägigen Fach- und Spezialliteratur ist hier unumgänglich; sie warnt vor Fälschungen, zeigt auf, wo die interessantesten Besonderheiten zu finden sind und gibt oft den entscheidenden Hinweis, damit die philatelistische Geldanlage gelingt.

 

 

Text und Abbildungen: MICHEL
Quelle: Capital, 02/2012