"Vom David zum Goliath": Von den ersten Preislisten zum Weltkatalog

Die biblische Anspielung mag nicht jedem Leser gleich verständlich erscheinen, erklärt sich aber aus der Situation vor mehr als 100 Jahren. Hugo Michel war zu dieser Zeit zwar kein namenloser Briefmarkenhändler, aber im Vergleich zu dem damals fast schon weltweit führenden Handelshaus der Gebrüder Senf eher ein „Zwerg“, eben ein kleiner unbedeutender „David“. Michel hatte am 4. April 1892 im beschaulichen Apolda sein Briefmarkengeschäft gegründet, war aber mit seinem Sortiment-, Groß- und Kommissionshandel durchaus erfolgreich. So erfolgreich, dass er es Ende 1906 seinen Brüdern Max und Heinrich Michel überließ, um sich selbst neuen Aufgaben, dem Detailhandel für Sammler und ab 1909 der erstmaligen Erstellung eines „Europa-Kataloges“ zu widmen. Über die Jahre hatte er genügend Vermögen angehäuft, das es ihm auch ermöglichte, 1909 ein ansehnliches Haus in der damaligen Elisabeth-Straße 1 in Weimar zu kaufen, wo er seitdem privat wohnte. Das Markengeschäft und sein Verlag firmierten noch für einige Jahre in Apolda.
 
Das Haus von Hugo Michels Vater, Johann Heinrich Michel, in dem er und seine Familie seit 1872 wohnten. Es ist heute noch mit der erst später vorgenommenen Erweiterung um ein Stockwerk in der Dornburger Straße in Apolda zu sehen. Foto: WM-Archiv/WM
 
Hugo Michel in jungen Jahren. Bildvorlage: WM-Archiv/Lothar Weißleder, Apolda
 
Mit Preislisten war Michel nicht unerfahren, hatte er doch für sein Versandgeschäft schon seit den 1890er-Jahren solche herausgegeben. Aber einen Katalog? Das war schon etwas anderes, etwas Neues. Michel nutzte Vorbilder der damaligen Zeit, die er in den Preislisten von Philipp Kosack, Berlin, aber auch in den Katalogen der Gebr. Senf, Paul Kohl und anderen fand. Von Kosack übernahm er das kleine handliche Format und die Kürze der Katalogbeschreibungen, von Senf die Nummerierung. Da Kosack seine Preislisten auch als solche verstand, und diese in der Regel auch kostenlos zu erhalten waren, Richard Senf und sein Nachfolger Heinrich Neubauer – dieser war seit dem 1. April 1910 Inhaber der Firma – Michels Katalog wohl eher als Preisliste, denn als Katalog einstuften, gab es damals keine Copyright-Probleme.

Heinrich Neubauer war seit 1910 Geschäftsinhaber der Gebrüder Senf. Mit den weltweit bekannten Senf-Katalogen standen sie in direkter Konkurrenz zu den sich seit 1915 immer mehr verbreitenden MICHEL-Katalogen. Vorlage: WM-/Archiv/RN
 
Seit 1894 war Hugo Michel Mitglied des weltweit renommierten „Internationalen Postwertzeichen-Händler-Vereins“ zu Berlin. Correspondenz-Karte vom 6. Oktober 1898. Vorlage: WM-Archiv/Lothar Weißleder, Apolda

 


1910 erschien der erste, heute legendäre MICHEL-Europa-Katalog im Format 12,5 x 19 cm, mit 108 Seiten und violettem Einband, gedruckt bei Rosenthal & Co., Berlin SO, Rungestraße 20. Broschiert kostete er 0,60 Mk. und 10 Pfennig Porto, gebunden 1 Mk. und 20 Pfennig Porto (Auslandsporto 20 resp. 30 Pfennig). Der Katalog war billig, zumal auch Hugo Michel ihn vorerst seinen Kunden kostenlos zuschickte. Eine Nota (Rechnung) lag zwar bei, wurde aber in aller Regel nicht bezahlt. Wohl kaum einer stufte damals diese „Preisliste“ als „Katalog“ ein. Ein Fehler, wie sich noch herausstellen sollte.

Michel lag mit seinem Katalogansatz richtig. Er bediente damit die „kleinen“ Sammler, diejenigen, denen die umfangreichen und damit auch entsprechend aufwändigen Welt-Kataloge der Gebr. Senf zu teuer waren, aber auch diejenigen, die schon längst nur noch Europa statt „Alle-Welt“ sammelten. Deren Zahl mehrte sich von Jahr zu Jahr. Bis zum Ersten Weltkrieg nahmen die Gebr. Senf – damals ein Unternehmen mit weit mehr als 40 oder gar zeitweise 50 Mitarbeitern und riesig pompösen Geschäftslokalen in Leipzig – dies nicht ernst. Sie waren die unangefochtene Nummer 1 in Deutschland.

Die Situation änderte sich gravierend während des Ersten Weltkrieges. Michels Europa-Kataloge waren kontinuierlich jährlich erschienen, Senfs Weltkatalog erschien letztmalig 1915, dann war Funkstille. Das Personal der Senf-Firma, selbst Inhaber Heinrich Neubauer, waren eingezogen worden, die Firma lag brach, Richard Senf – längst ausgeschieden – hielt notdürftig die Hauszeitschrift, das „Illustrierte Briefmarken-Journal“, am Leben und, wenn auch stark eingeschränkt, das Markengeschäft. Die Verlage in Leipzig, davon gab es nicht wenige, kamen nicht mehr an Papier, das als kriegswichtige Ressource eingestuft und deshalb nicht in den benötigten Mengen erhältlich war. Wohl aber Hugo Michel in Apolda. Ihm gelang es, wenn auch selbst kriegsverpflichtet, Papier zu organisieren und nachts und in seiner Freizeit den Katalog weiterzuführen, so dass dieser – als einziger – weiterhin erschien. Hatten Senfs Katalogwerke vor dem Krieg Auflagen von bis zu 40 000 Exemplaren je Katalog und Michels Kataloge zu Beginn vielleicht gerade einmal zehn Prozent dieser Menge, wandelte sich nun die Situation. Seine Kataloge waren derart nachgefragt, dass die für ihn damit verbundene Arbeit ihm geradezu den Atem und jede freie Minute raubte. 1918 schien er am Ende seiner Kräfte und Möglichkeiten, wie man seinen Worten im Katalognachtrag vom Juli 1918 entnehmen kann: „Wenn ich in früheren Nachträgen wiederholt betonte, dass ich als Katalogherausgeber mit immer größeren, sich immer mehr auftürmenden Schwierigkeiten zu kämpfen hätte, so bedaure ich, den Freunden des Michel-Kataloges die Mitteilung machen zu müssen, dass die nächste (zehnte) Auflage desselben sehr wahrscheinlich die letzte während des Krieges erscheinende sein wird, und dass ich bei längerer Kriegsdauer mich gezwungen sehe, auf die billigeren Friedenslorbeeren zu warten.“

Immerhin: „David“ Hugo Michel hatte erstmals über „Goliath“, die Gebr. Senf, gesiegt, wenngleich auch vom Glück begünstigt. Aber Hugo Michel suchte Entlastung. Diese fand er 1919 im „Verlag des Schwaneberger Album Schaufuss & Stolpe GmbH“, der seit April des Jahres von dem Verlagsbuchhändler Eugen Berlin geleitet wurde.

Zuweilen ist davon zu lesen, dass Hugo Michel zu jener Zeit seinen Katalog an Hugo Schwaneberger verkauft habe, der in diesem Verlag seines Namens auch tätig gewesen sei. Dies trifft aber nicht zu. Richtig ist, dass Hugo Schwaneberger der Redakteur und Verfasser des ersten „Schwaneberger Sammelbuches“, das 1879 erstmals und zumindest bis 1883 in Leipzig bei Grimme & Trömel erschien, gewesen war. 1884 übernahm der Leipziger Verlagsbuchhändler und Druckereibesitzer Ernst Heitmann die Rechte am „Schwaneberger Sammelbuch“ und verlegte dies bis 1904. Das durchaus erfolgreiche Albensystem ging dann an die Verlagsbuchhandlung J. J. Arndt in Leipzig, fünf Jahre später an den am 15. April 1910 neu gegründeten „Verlag des Schwaneberger Album Schaufuß & Stolpe GmbH“, womit das Album – und später auch der Verlag des MICHEL-Kataloges – seinen weltbekannten Namen erhielt.
 
Hugo Schwaneberger. Foto: 1889. Vorlage: WM-Archiv/Renate Warnecke

Eugen Berlin selbst war klug genug, Hugo Michel weiterhin nach außen als redaktionell bestimmenden Herausgeber der MICHEL-Kataloge firmieren zu lassen, den Verlag also nur als Rechtsinhaber zu führen, wobei Michels Position nahezu unangetastet blieb. Er selbst hätte zu dieser Zeit auch wohl kaum die redaktionelle Kompetenz gehabt; diese musste er sich „einkaufen“ und erst einmal über die kommenden Jahre entwickeln.


Die Firma der Gebr. Senf wurde zwar auch ab 1919 wieder aktiv und stieg mit neuen Katalogwerken ein, aber der neue Verlag des Schwaneberger Albums bot nun sichtbar Paroli. Die Albumpalette wurde deutlich ausgebaut, es erschien ein neuer Katalog, „Hugo Michel’s Kriegsmarken-Katalog 1920“, und nach dem Europa-Katalog 1920 gegen Ende des Jahres sogar der erste MICHEL-Übersee-Katalog! Damit ging der Wettkampf mit der Senf-Firma in eine weitere Runde. Hugo Michel – er zeichnete als „Herausgeber“ für die Kataloge noch bis 1926 verantwortlich – hatte erneut die Senf-Katalognummern übernommen, die er selbst damals als „deutsche Standard-Nummerierung“ bezeichnete. Dieses Grundsystem wurde im Laufe der Zeit aber so verändert und ausgebaut, dass Jahre später die Sammler bei Philatelistentagen forderten, man müsse endlich zu einem einheitlichen Nummernsystem der Katalogherausgeber kommen.
 
Frühe Katalog-Nachträge aus dem „Verlag des Schwaneberger Album Schaufuss & Stolpe“ Anfang der 1920er-Jahre. Hugo Michel hatte an diesen 1910 gegründeten Verlag 1919 seine Rechte am Katalog verkauft. Vorlage: Philatelistische Bibliothek München/Foto: WM

Dazu kam es nicht, wohl aber zu zahlreichen weiteren Michel-Katalogen. Genial war Michels Idee der „Michel-Mark“ zur Zeit der Inflation 1922/23, die er als stabile Währung auf Goldmarkbasis verstand und deren Notierungen in der jeweiligen Valuta-Umrechnung sich als verlässliche Größe erwiesen. Da man bei den parallel erscheinenden Senf-Katalogen mathematische Gehirnakrobatik von prozentualen Abschlägen und gesonderten Zuschlägen, ähnlich dem System heutiger Flugtickets bei Billig-Fluganbietern leisten musste, ging auch diese Runde an Hugo Michel. Dieser blieb noch von 1926 bis 1930 als Redaktionsberater im Verlag, widmete sich aber seit 1927 zunehmend seinem Markengeschäft und – für ihn neu – eigenen Auktionen. Ab 1928 gab es MICHEL’S MONATS-MARKEN-MARKT, 36 Seiten umfassende Raritätenangebote, ab 1930 auch teils sehr umfangreiche Deutschland-Preislisten, aus denen dann Ende der 1930er-Jahre die bekannten Michels-Netto-Preislisten hervorgingen, die für sich gesehen, wiederum eher einem Deutschland-Katalog als einer Preisliste ähnelten. Zu dieser Zeit waren die jährlichen nun von Eugen Berlin selbst verantworteten Europa- und Übersee-Kataloge längst eine starke Konkurrenz für die Senf-Kataloge.
 
Mit der MINETO-Deutschland-Preisliste (MINETO = Michel-Netto) griff Hugo Michel 1940 sein ursprüngliches Anliegen der Netto-Katalog-Preise auf, indirekt zu dieser Zeit eine Kritik an den Senf- und Michel-Katalogen. Foto: WM-Archiv/WM

Auch wenn Hugo Michel 1930 nicht mehr als Redakteur am jeweiligen MICHEL-Katalog selbst beteiligt war, verkaufte er diese doch, wie seine Postkarte mit Werbezudruck vom 12. März 1931 ausweist. Bildvorlage: WM-Archiv/Lothar Weißleder, Apolda

Es war der „Verlag des Schwaneberger Albums“, der Anfang 1935 erstmals einen MICHEL-Deutschland-Spezial-Katalog herausgab. Den über 400 Seiten sehr spezialisierter Katalogisierung hatte die Firma Senf nichts nur annähernd Gleichwertiges entgegenzusetzen – deren Großdeutschland-Kataloge waren kaum mehr als eine Auskoppelung der Katalogisierung im Europa-Katalog. Vier Auflagen dieses Kataloges konnte Eugen Berlin bis 1938 erscheinen lassen, eine fünfte verhinderte der Zweite Weltkrieg und die damit verbundenen Einschränkungen. Bis 1942 erschienen die vollständigen MICHEL-Kataloge im vorgesehenen Turnus, 1943 gab es noch einmal einen Europa-Katalog, danach nur noch zwei Teilkataloge, die dank der Vermittlung von Hermann Ernst Sieger, des damaligen Leiters der Fachabteilung Briefmarken im Händlerverband in der Staatsdruckerei Wien, gedruckt werden konnten. Die Gebr. Senf hatten Vergleichbares nicht zu bieten. Die Welt der namhaften deutschen Katalogherausgeber in Leipzig lag spätestens seit dem englischen Bombenangriff am 4. Dezember 1943 in Trümmern.


"Aus den Ruinen auferstanden": Senf contra MICHEL

Leipzig lag seit Kriegsende in Ruinen, der „Verlag des Schwaneberger Albums Eugen Berlin“ ebenfalls in Schutt und Asche und nahezu alle Bestände der Redaktion waren vernichtet worden. Charlotte Naumann, seit 1945 die von Eugen Berlin ernannte Verlagsleiterin am Leipziger Sitz, gab später wörtlich an, dass sämtliche Bestände verloren gegangen waren. In einer Aktennotiz dazu heißt es: „Es verbrannten sämtliche Warenbestände (Wert ca. 50 000 M.) In der Druckerei wurde der Stehsatz des Michel-Kataloges und der Schwaneberger Alben vernichtet, in den Buchbindereien verbrannten Warenbestände, Papierbestände wurden vernichtet usw.“ Andererseits sagte sie nachfolgend auch: „Der größte Teil der Klischees konnte gerettet werden, da Herr Berlin dieselben noch rechtzeitig nach Bayern verlagert hatte.“

Bayern? Dort hatte sich Eugen Berlin zu Kriegsende ein neues Domizil als Alterssitz gesucht, genauer gesagt in Kasendorf (Oberfranken), wo er dann 1946 einen Zweigbetrieb anmeldete, der sich später eher als „Exil“, letztlich aber als neuer Sitz des Verlages entpuppen sollte. In einer „Nacht-und-Nebel-Aktion“, so die Fama, war es ihm gelungen, die Bestände der Druckklischees für die Alben und Kataloge von Ost nach West zu schaffen.
Nach dem Krieg fanden alle Verlage eine neue Situation vor: die Firma der Gebr. Senf, der Verlag des Schaubek-Albums von C. F. Lücke sowie der Schwaneberger Verlag von Eugen Berlin. 1945/46 hatte die Politik der Siegermächte das Sagen, an Produktion war in einem neuen Umfeld sowjetischer Administration kaum zu denken. 1946 war noch einmal ein MICHEL-Neuheiten-Verzeichnis, eine Art Zwischenkatalog, für die Jahre 1944/46 mit 76 Seiten Umfang erschienen. Das war aber auch schon alles.

Michel1.2-02-10MICHEL Europa. Briefmarken-Neuheiten 1944/46. Mit diesem broschierten Nachtrag (12,5 x 18cm, 76 Seiten) meldete sich Eugen Berlin im September 1946 erstmals wieder zu Wort.

Eugen Berlin hatte das Vorwort zu diesem Nachtragskatalog im September 1946 gezeichnet. Er sprach davon, dass sich der „vorliegende Michel ... an den durch die monatlichen Nachträge ergänzten Michel-Europa-Katalog 1943 als auch an den 1. Teil des Michel-Europa-Kataloges 1944/45“ anschließe. Dieser Band solle damit also ein ausführlicheres Bild der philatelistischen Ereignisse der letzten Jahre bieten.

Es sollte bis 1947 dauern, dass erste Bemühungen der Verlage, erneut mit umfangreicheren Produkten auf den Markt zu kommen, wahrgenommen wurden. Dabei ergab sich aber eine überraschende Situation, denn die Landesregierung von Sachsen gedachte offenbar, der Sowjetischen Militäradministration vorzuschlagen, dass die drei bisherigen Produktlinien – Kataloge, Alben, Zeitschriften – künftig nicht mehr von jedem oder mehreren der drei Verlage geführt werden dürften, sondern jeder Verlag sich nur auf ein Produkt (wahlweise Fachzeitschrift, Alben oder Katalog) zu konzentrieren hatte. Dahinter steckte wohl die Überlegung, dass durch Konzentration auf Einzelprodukte durch einen Verlag, die Vielfalt der Presse besser zu kontrollieren, vielleicht auch langfristig zu ermöglichen sei, waren doch Papierbeschaffungsprobleme zu dieser Zeit schier unüberwindbar.

Verständlich, dass sich zu diesem geforderten Einschnitt – oder sollte man richtiger sagen: zu diesem publizistischen „Kahlschlag“? – keiner der namhaften drei Verlage bereit erklären wollte. Man einigte sich 1948 nur auf die Gründung einer Arbeitsgemeinschaft, der nun vier Firmen (mit dabei nun auch KA-BE) angehören sollten. Gedacht war angeblich an ein abgestimmtes Produktionsprogramm. Kurz zuvor, im Februar 1948, erschien in Leipzig wieder ein erster MICHEL-Europa-Katalog, allerdings in einzelnen Lieferungen. Verantwortet hatten diesen die Firma Gebr. Senf respektive deren damalige Inhaberin Gertrud verw. Neubauer, offiziell auch der Verlag des Schwaneberger-Albums Eugen Berlin, der ab Ende 1949 „in Treuhandverwaltung“ stand. Diese erste Lieferung des erwähnten MICHEL-Kataloges umfasste 80 Seiten und ist als „MICHEL-OST“ unter Sammlern bekannt. Die XX. und letzte Lieferung erschien im Juli/August 1950, also knapp vor dem ersten Lipsia-Katalog vom August/September 1950.

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MICHEL Europa (1948), erschienen in Leipzig in einzelnen Lieferungen, die auch – wie die Abbildung belegt – als Teilbände in gebundener Form Verbreitung fanden. Das Werk wurde als „MICHEL-Ost“ bekannt.

1948 erschien ebenfalls ein von der Firma „Gebrüder Senf“ herausgegebener Altdeutschland-Katalog in einzelnen Lieferungen (insgesamt 48 Seiten), die es auch in dieser broschierten Form gibt. Senf – Schwaneberger: Das war immer noch ein Konkurrenzverhältnis.

An wirklicher Zusammenarbeit waren allerdings weder die Firma der Gebr. Senf, damals nach dem Tode ihres Mannes Heinrich Neubauers 1945 nun von dessen Frau Gertrud geleitet, noch Eugen Berlin und sein Verlag des Schwaneberger Album interessiert. Eugen Berlin hatte längst nach Verlauf der administrativen Direktiv- und Planabsichten, die auf eine Verstaatlichung privater Unternehmen hinausliefen, die Möglichkeiten einer Verlagsverlagerung in den Westen geprüft und sich für diesen Schritt entschieden, zumal er sich mit den Vertretern der Firmen Senf und Schaubek nicht auf die Ausgabe nur eines noch zugelassenen Katalogwerkes einigen konnte und wollte. Wenn schon bei nahe Null neu anfangen, dann dachte er, dies auch im Westen tun zu können.


1949 erschien damit in Kasendorf der erste „MICHEL-Europa-Katalog“ im blauen Leineneinband, der immerhin 1080 Seiten hatte. Was Eugen Berlin damals nicht erwähnte, waren die Macher dieses Kataloges. Er hatte ja sein Team aus Leipzig nicht mitnehmen können, die wenigen verbliebenen Mitarbeiter wollten dort bleiben. Er brauchte also neue Fachleute. Diese fand er in Hermann Ernst Sieger als Chefredakteur des neuen Kataloges, sekundiert von dessen damals knapp 20 Jahre alten Sohn Hermann Walter, dem besonders der Deutschland-Teil am Herzen lag. Zu den Katalogen ab 1949 erschienen auch wieder die von früher bekannten Katalognachträge.

thumb Michel4.2-02-10thumb Michel5.2-02-10thumb Michel6.2-02-10Der erste MICHEL-Europa-Katalog (West) erschien in blauem Leineneinband 1949 mit 1080 Seiten (Format 15 x 21,5 cm).

Zu dem MICHEL-Europa-West erschienen ab 1949 auch wieder „MICHEL-NACHTRÄGE“ (hier Nr. 3 vom Aug. 1949).
 
Eine Auskoppelung des Europa-Kataloges, nämlich der MICHEL-Briefmarken-Katalog 1949 Deutschland, erschien im gleichen Format mit einer Paginierung von Seite 128 bis 799 aus dem Europa-Katalog in broschierter Form. Der Katalog war ohne Vorwort, wurde wie der vorhergehende ebenso bei Carl Gerber in München gedruckt. Hermann Walter Sieger nannte diesen Katalog „sein Kind“. Es war allerdings noch kein Deutschland-Spezialkatalog. Deshalb erhielt die Auflage 1950 die zusätzliche Bezeichnung „Sonder-Katalog“. 1949 wurde nur vermerkt: „Auszug aus dem Michel-Europa-Katalog 1949“.

Aus beiden MICHEL-Europa-Katalogen (1949 und 1950) wurde der Deutschlandteil ausgekoppelt und in broschierter Form angeboten. Die abgebildete Ausgabe von 1950 hatte eine eigenständige Seitenzählung, die mit Seite 1 begann.
 
Schon im November 1949 verfasste Eugen Berlin das Vorwort für den MICHEL-Europa-Katalog 1950. Er blickte auf „40 Jahre MICHEL-KATALOGE“ zurück und betitelte die Neuausgabe deshalb auch als Jubiläumsausgabe. Zum wiederholten Mal betonte er, wie schon Hugo Michel in früher Zeit: „Der Michel-Katalog stellt weder eine Händlerpreisliste dar, noch ist er von irgendwelchen Interessen getragen, sondern er bemüht sich, die Preise an Hand der internationalen Marktlage dem Philatelisten darzubieten.“

Im Oktober 1949 erkrankte Eugen Berlin schwer und erholte sich von dieser Krankheit nicht mehr dauerhaft. Im August 1950 wechselte Berlin mit seinem Schwaneberger Verlag nach München in die Angertorstraße 2 und verkaufte seinen Verlag an die Münchner Druckerei Carl Gerber, die schon die Ausgaben von 1949 und 1950 gedruckt hatten. Dort übernahm der damalige Gesellschafter der Druckerei Carl Gerber, Dr. Hans Hohenester, als Geschäftsführer die Leitung des neuen Verlags, der aber bis 1970 weiterhin „Verlag des Schwaneberger Albums Eugen Berlin“ hieß. Neuer Chefredakteur wurde Martin Reith, unterstützt vom Redakteur Carl Hamecher, der 1951/52 für den ersten Nachkriegs-Übersee-Katalog verantwortlich zeichnete. Eugen Berlin selbst erlebte das Erscheinen des neuen 1094-Seiten-starken Übersee-Kataloges nicht mehr. Er starb am 14. Januar 1951 in Hechendorf/Bayern. Sein Tod verhinderte aufgrund der rechtlich notwendigen Verlagsabwicklung und der Neuerstellung des Manuskripts das eigentlich noch für 1950 angekündigte Erscheinen des Übersee-Katalogs. Reith und Hamecher gelang es aber trotz aller Schwierigkeiten im Oktober 1951, also mit fast einjähriger Verspätung, das Werk – seit zehn Jahren erstmals wieder ein deutscher Übersee-Katalog – fertigzustellen (Band 1 erschien im November 1951, Band 2 im April 1952), der natürlich auch wieder in der Carl Gerber-Druckerei produziert wurde.

thumb Michel7.2-02-10Ende 1951 erschien erstmals seit vielen Jahren ein neuer MICHEL-Übersee-Katalog, nunmehr in zwei Bänden und in München von der Carl Gerber Druckerei und Verlag herausgegeben. 

Mit Berlins Tod ging die zweite große Ära der MICHEL-Kataloge zu Ende. Die neue Ära Gerber/Hohenester nahm ihren Anfang. So erlebte Eugen Berlin nicht mehr, wie sein 1953 in Leipzig C 1, Markgrafenstr. 2, Schlossgasse 5, ansässiger Verlag des Schwaneberger Album mit Urteil des Kreisgerichtes Stadtbezirk 8 vom 13. März 1953 in Konkurs ging und dessen Vermögen eingezogen wurde. Damit war der alte „Verlag des Schwaneberger Album, Inhaber Eugen Berlin“, nur noch Geschichte.

Der Senf-Familie erging es nicht besser: Nach Heinrich Neubauers Tod (dieser starb an einer Blinddarmentzündung) wurde Gertrud Senf 1945 selbst Inhaberin. Die Büroräume befanden sich zuerst (ab September 1946 bis ca. 1949) nahe dem Hauptbahnhof am Tröndlinring 3, danach in Leipzig C 1., Nordplatz 2; das Ladengeschäft weiterhin im Barfußgässchen am Markt. Gertrud Neubauer starb 1963. Nach ihrem Tod wurde das Familienunternehmen von einem Geschäftsführer geleitet, während ihre Söhne Hans Neubauer und Gottfried Richard Gerhard Neubauer nominell (Mit-)Inhaber blieben.

Die politischen Verhältnisse und wirtschaftlichen Schwierigkeiten jener Jahre ließen es nicht zu, dass die Firma der Gebr. Senf jemals wieder als eigenständiges Unternehmen auf die Beine kam. Das „Illustrierte Briefmarken-Journal“ – 1943 zwangsweise von den damaligen Machthabern mit allen anderen Fachzeitschriften zur Einstellung gezwungen – durfte nicht weitergeführt werden. So setzte sich im Osten Deutschlands ab 1948 der „sammler express“ durch. Vergleichbares galt für die Senf-Kataloge, die 1950 – ebenso wie der vormalige MICHEL-Katalog – in den LIPSIA-Katalog auf- und übergingen.

Die Philatelie, gerade auch der philatelistische Handel, wurde in der DDR spätestens ab Ende der 60er-Jahre vereinheitlicht, bis hin zu Namen von Vereinen und Geschäften. Die Erben der „Gebrüder Senf“, die Brüder Hans Neubauer-Senf und Gerhard Neubauer, führten ein von dem älteren Bruder Hans geleitetes Briefmarken-Versandgeschäft in Nürtingen/Neckar. Das eigentliche Leipziger Stammgeschäft fiel nach der Wende an den jüngeren damals noch lebenden Bruder Gerhard Neubauer zurück, der es bis 2008 durch einen Angestellten verwalten ließ. Dann wurde das Traditionsgeschäft am Barfußgässchen endgültig geschlossen. Die Tradition eines Weltunternehmens, das einmal in alle Kontinente den Namen deutscher Philatelie ausgestrahlt hatte, hatte damit dann endgültig seinen Schlusspunkt erreicht.

Der „König“ war tot (im ersten Teil „Goliat“ genannt), „es lebe der König“ – dies war „David“, der sich nun daran machte, dem „Königstitel“ weiterhin gerecht zu werden.
 


"Von Null auf Hundert": Die Münchner Zeit

Die Münchner Zeit1950 fing der nunmehr an die Druckerei von Carl Gerber übergegangene „Verlag des Schwaneberger Album Eugen Berlin“ zwar nicht bei Null an, musste aber dennoch neu beginnen. Zwar hatten schon Hermann Ernst Sieger und dessen Sohn Walter neben den ersten beiden neuen Europa-Katalogen auch das Manuskript des für Ende 1950 angekündigten neuen zweibändigen Übersee-Kataloges erarbeitet. Aber da die Firma Sieger nicht den Verlag Eugen Berlins übernehmen konnte, sahen sie sich nicht in der Pflicht, dem neuen – aus ihrer Sicht fachfremden – Verlag ihre Arbeit zu überlassen. Das Manuskript wurde vernichtet, in München hieß es für Dr. Hans Hohenester neu anfangen.Dank Martin Reith, unterstützt von Redakteur Carl Hamecher, gelang dies. Zwar brauchte man mehr als ein Jahr, um dann endlich – nach 10 Jahren – erstmals einen neuen zweibändigen Übersee-Katalog erscheinen zu lassen, dann aber ging es Schlag auf Schlag. Die MICHEL-Nachträge zum Katalog (Vorläufer der späteren „MICHEL-Rundschau“) erschien regelmäßig und wurde ab der Nr. 2/1951 redaktionell deutlich erweitert, indem nicht nur einseitige Katalog-Nachtragsseiten aufgenommen wurden, sondern die linken Vakat-Seiten, also bislang leer gebliebene Seiten, nunmehr auch mit interessanten und abwechslungsreichen Meldungen und Kurzbeiträgen gefüllt wurden.

Der seit 1948 noch in Leipzig in Lieferungen erscheinende „MICHEL-Ost“ wurde auch – allerdings mit argen Verzögerungen – im Westen vertrieben.

thumb MICHEL1.3-04-10Das „Schwaneberger Album“ war 1948 auf längere Zeit nicht mehr lieferbar. Den Grund kann man diesem Schreiben vom 1. Oktober 1948 entnehmen: die Albenvorräte waren bei der Bombardierung Leipzigs verbrannt.

 

 

 

thumb MICHEL2.3-04-10 Erstmals wurde auch wieder das „Schwaneberger Deutschland-Album“ in neuer Ausgabe (1952) angekündigt: 26 Mark kostete die Halbleinen-, 28 Mark die Ganzleinen-Ausgabe. 1953 erschien das Album mit auf 324 Seiten erweitertem Umfang, kostete nun aber auch 38 (Schraubenbinder) resp. 42 DM (Klemmbinder).

Es enthielt zu dieser Zeit 5650 Markenfelder und 1900 Abbildungen. Im August 1954 erschien im MICHEL-Nachtrag Nr. 8 eine Anzeige, der aus heutiger Sicht Bedeutung zuzumessen ist: „Unser Chefredakteur braucht einen weiteren Mitarbeiter“ stand zu lesen und es wurde eine „vielseitige interessante Tätigkeit und bei Eignung zukunftsreiche Dauerstellung“ in Aussicht gestellt. Die Anforderungen waren beileibe nicht gering: Fähigkeiten im Bereich der selbstständigen Katalogarbeit, zur Erledigung umfangreicher internationaler Korrespondenz, ein „universelles Fachwissen“, die „Beherrschung der Weltkatalogliteratur“, aber auch ein „flüssiger, neuzeitlicher Briefstil sowie Fertigkeiten in Steno und Maschinenschreiben“ waren erforderlich, Sprachkenntnisse erwünscht. Arbeitsfreude und ein überdurchschnittliches Leistungsniveau wurden per se vorausgesetzt. Den Folgeausgaben des Jahres 1954 war nichts weiteres zu entnehmen, wohl aber ist bekannt, wer diesen Posten schließlich erhielt: Gerhard Webersinke.

thumb MICHEL3.3-04-10„Kein Briefmarken-Sammler ohne Michel-Katalog“, so lautete der Slogan dieses Freistempels vom 1. April 1953. 

1955 trat der Sohn Dr. Hans Hohenesters, Hans Hohenester, in die Firma ein. Dieser wurde 1963 Geschäftsführer des Gerber-Verlags und schloss diese Tätigkeit für den Gerber Verlag bis zur Beendigung von dessen Druckereigeschäften 1996 mit weiterer Beratertätigkeit im Schwaneberger Verlag ab. 2001 hatte wiederum dessen Sohn Hans W. Hohenester, der Enkel Dr. Hans Hohenesters, die Geschäftsführung des Schwaneberger Verlag übernommen.

1956 wurde – nach Martin Reith, der kurz nach seinem 50. Berufsjubiläum verstorben war – Gerhard Webersinke Chefredakteur. Der bis 1993, also 34 Jahre amtierende, heute noch lebende Berufsphilatelist wurde zur Legende, an die sich viele Leser sicherlich noch gut erinnern. Viele neue Kataloge, besonders die neu eingeführten Deutschland-Spezial-Kataloge, verraten seine Handschrift. Er und Hans Hohenester sen. waren ohne Zweifel ein kongeniales, wenn auch nicht immer reibungslos harmonierendes Gespann, das aber gerade aus der Verschiedenheit der Charaktere stets Ansporn zu neuen Taten und Ideen zog.

1963 hatte Hans Hohenester das „Erbe“ seines Vaters, die Geschäftsführung des Gerber-Verlages übernommen. 1968 bezog man einen Neubau in München-Freimann, der bis vor fünf Jahren das Domizil der Firma bleiben sollte, die seitdem ihren neuen Platz in Unterschleißheim bei München gefunden hat.

1970 kam es zu einer weiteren Umstrukturierung. Dr. Adolf Gerber übernahm die Carl Gerber Grafische Betriebe GmbH, gliederte die Satzabteilung in eine neue Fertigsatz GmbH aus, während zeitgleich Hans Hohenester als Geschäftsführer des Gerber-Verlages auch die Geschäftsführung des Verlages des Schwaneberger Album Eugen Berlin GmbH übernahm. Hohenesters erstes Ziel war eine Neufirmierung für Eugen Berlins früheren Verlag, der fortan „Schwaneberger Verlag GmbH“ lauten sollte, wie er allen Sammlern heute bestens bekannt ist.

 thumb MICHEL4.3-04-10Bis 1970 hieß der Verlag noch nach dem jahrzehntelangen früheren Inhaber „Verlag des Schwaneberger Album Eugen Berlin GmbH“ (Geschäftsdrucksache vom 26. August 1957). 

Viele neue Produkte erblickten in den 1970er-Jahren erstmals das Licht der Welt. So z.B. der MICHEL-Ganzsachen-Katalog Deutschland (1972), das MICHEL-Exklusiv-Album (1973) – es hieß nun nicht mehr „Schwaneberger Sammelbuch“ – der Katalog MICHEL-Europa-Gemeinschaftsausgaben (1973), das MICHEL-Handbuch Kolonialvorläufer (1973), der MICHEL-Junior-Deutschland-Katalog (1974), das MICHEL-Sammler-ABC (1974) und der MICHEL-Handbuch-Katalog Deutsche Feldpost (1976), die Kataloge MICHEL-Österreich Spezial (1977), Privatganzsachen Deutschland (1978), Ganzsachen Europa (1978), Schweiz/Liechtenstein Spezial (1979), CEPT/UNO (1979), der beliebte MICHEL-Briefe-Katalog (1980) und der erste MICHEL-USA-Spezial (1980).

Hans Hohenester sen. und Gerhard Webersinke hatten das Glück, dass ihre aktive Phase durch Kontinuität, aber auch generell gesellschaftliche und wirtschaftliche Prosperität gekennzeichnet waren. Allerdings hatte Hohenester – er war gelernter Drucker – damals auch besondere Probleme zu schultern, denn auch schon in den 1970er-Jahren veränderten sich infolge des technischen Fortschritts die Produktionsmöglichkeiten. So waren von 1971 bis 1974 rund 10 000 Katalogseiten neu zu setzen, da es galt, den veralteten Bleisatz auf modernen Fotosatz umzustellen. Auch die Ausweitung der Katalogbände und der ständig wachsende Umfang einzelner Bände infolge der ungehemmten Neuheitenflut der Postverwaltungen war zu bewältigen. Schon Mitte der 1950er-Jahre hatte es drei Katalogbände gegeben: einen für Europa, zwei für Übersee. Daraus waren zehn Jahre später, 1965/66, schon drei Übersee-Bände geworden.

Um das Problem mit dem Europa-Katalog zu lösen, verzichtete man seit 1963 darauf, den Deutschlandteil auch im Europa-Katalog mit aufzuführen. Letztlich half dies nur für kurze Zeit, denn 1972 zählte Europa drei alphabetisch aufgeteilte Bände, die ein Jahr später zu zwei Bänden (Europa Ost und Europa West) zusammengeführt wurden.

Seit 1972 kam der Übersee-Katalog auf fünf Teilbände (der Band 5 „Asien“ hatte zwei Teile). Es sollte nicht die letzte Aufteilung bleiben, denn heute hat allein der Europakatalog sieben umfangreiche Bände, Übersee liegt wohl schon bei dem doppelten. Dafür verkauften sich damals die Kataloge, zumal der Deutschland-Katalog wie warme Semmeln. 1981 – auf dem Höhepunkt der Philatelie-Euphorie in Deutschland – wurden 320 000 Deutschland-Kataloge verkauft. Eine schier unglaubliche Zahl! Sie wurde aber auch seitdem niemals mehr erreicht.

thumb MICHEL5.3-04-10Die MICHEL-Redaktion um 1980 (v.l.n.r.): Oskar Klan (sitzend), Hans Hohenester, Gerhard Webersinke, Jochen Stenzke, Erich H. Slaby und (sitzend von hinten) Heinz Adler. 

Hans Hohenester sen. weiß noch eine nette Episode aus jener Zeit zu erzählen: „Als ich ungefähr 1971 von Herrn Wetzel (ich glaube, er hieß so) als Zuständigem für die Ganzsachensammler die Anregung erhielt, einen Ganzsachenkatalog Deutschland aufzulegen, haben wir nach meiner Zustimmung viele Einzelheiten wie Erstellung des Manuskriptes, Termine usw. zusammen geklärt. Auch über die Startauflage von 10 000 Exemplaren wurde gesprochen. Als ich dann kurz vor Druckbeginn Herrn Wetzel fragte, wie viele Ganzsachensammler organisiert seien, antwortete er mir: etwa 100. Mir wurde es dann schon ein bisschen komisch, aber Herr Wetzel meinte, dass viele Sammler von Ganzsachen nicht in Vereinen sind. Und wirklich: Die Auflage war in wenigen Tagen weg, wir mussten sogar 2000 Exemplare nachdrucken.“

Mag Hohenester damals der Umstieg von Blei- auf Fotosatz schon risikoreich genug erschienen sein, so ahnte er sicherlich damals noch nichts von den Folgen der Jahre später anstehenden Elektronisierung und Globalisierung der kommunikativen Welt. Diese sollte die Philatelie generell, den Schwaneberger Verlag speziell, nachhaltig verändern. Eine neue Phase des Auf- und Ausbaus kündigte sich an.

 


"Bits and Bytes": Der Schwaneberger Verlag im Elektronik-Zeitalter

1982 trat der Sohn von Hans Hohenester sen., Hans W. Hohenester, in den Carl Gerber Verlag ein. Dies war auch die Zeit, als der computerbegeisterte Nachwuchs – der am 25. Dezember 1954 in München geborene Hans W. Hohenester durfte sich damals durchaus dazu zählen – sich für Apple, Commodore, Atari und Amiga-Computer begeisterte. 17 Jahre lang hatte Hohenester jun. verschiedene Stationen in Firmen und Tochterfirmen der Gerber-Gruppe durchlaufen, er war aber auch mit der Philatelie durch die väterliche Tätigkeit in Berührung gekommen.

So entwickelte er – als erster in Deutschland – für Commodore- und Amiga-Computer, die damals zwar noch nicht mit einem PC-Betriebssystem ausgestattet waren, von deren Überlegenheit – der Autor erinnert sich noch gut daran – dieser jedoch schon damals überzeugt war, erste Briefmarken-Verwaltungsprogramme. Mochte man im April 1983 angesichts eines in der MICHEL-Rundschau als Aprilscherz gemünzten Beitrages über einen „MICHEL-Abartensucher“ mittels eines PC-ähnlichen Gerätes noch der Meinung sein, der Verlag nähme einen auf den Arm, sprach dieser im Februar 1984 Klartext: „Btx“ hieß erst einmal das Zauberwort. Btx – man weiß dies heute kaum noch – stand für Bildschirmtext und die Seiten dieses zu jener Zeit erprobten Textdienstes waren seit September 1983 für Nutzer in Großstädten zum Nahtarif (23 Pf. für 8 bzw. 12 Minuten) abrufbar. Hans W. Hohenester hatte den Schwaneberger Verlag schon Anfang 1983 unter der Bezeichnung „MICHEL-Philatelie“ in einem damals laufenden Feldversuch der Deutschen Bundespost mit ca. 100 Bildschirmseiten untergebracht. Leser konnten auf der Btx-Seite „B*601#“ einen Neuheitendienst für die Gebiete der BRD, Berlin, DDR und Westeuropa einsehen, ebenso wertvolle Sammlertipps, natürlich auch Katalog-Infos und Hinweise zur MICHEL-Rundschau, sich aber auch bei einem Quiz betätigen.

thumb MICHEL1.5-10-101988 war MICHEL unter der Btx-Seite 940440 erreichbar. 

Zur 5. Internationalen Briefmarkenmesse Essen vom 26.–31. Mai 1984 wurde erstmals die Präsentation eines neuen Fehl- und Bestandslistenprogramms für Heimcomputer (Commodore 64) angekündigt. Das Jubiläum „75 Jahre MICHEL-Kataloge“ war in Sicht und an dieses wurde auch schon 1984 erinnert, da Hugo Michel ja die Redaktion seines Kataloges schon im Dezember 1909 abgeschlossen hatte. Zählte Michels erster Europa-Katalog 94 Katalog- und 18 Seiten Vorwort-/Werbungsseiten in einem handlich kleinen Bändchen, waren daraus 1984 schon drei Kataloge (Deutschland, Europa-West, Europa-Ost) geworden, die immerhin die stattliche Zahl von 4000 Seiten beinhalteten. Elektronische Computerprogramme schienen schon allein deshalb damals nicht wenigen als die Lösung aller Platz- und Ressourcenprobleme.
 
thumb MICHEL2.5-10-10Eine Werbeseite in der MICHEL-Rundschau 1/1986 für das neue Bestands- und Fehllistenprogramm

Dabei waren diese ersten Programme und dazugehörende MICHEL-Datei-Disketten nicht gerade billig. Die Programmdiskette für den Commodore 64 kostete 160 Mark, dazu gab es fünf Katalogdisketten (1: Deutsches Reich; 2: Gemeinschaftsausgaben, Französische Zone; 3: BRD, Berlin; 4: SBZ, DDR Teil I; 5: DDR-Teil 2) für jeweils 38 Mark, auf einer weiteren preisgleichen Katalogdiskette konnte der Nutzer 2500 MICHEL-Nummern von ihm gewünschter Länder abgespeichert erhalten. Natürlich waren diese ersten Softwareprogramme noch nicht mit dem Leistungsumfang späterer Versionen vergleichbar. Sie enthielten noch keine Abbildungen, nur Kurztexte, aber man konnte damit seine Sammlungen verwalten, über 50 verschiedene Auswahllisten drucken (mit oder ohne Preisangaben), man konnte nahezu beliebig suchen und sich auch neue Gebiete selbst zusammenstellen. Die schöne neue Welt der Computer fand ihre Freunde, bei weitem nicht nur bei der Jugend.

Bei der erwähnten Essener Messe 1986 war immer noch das C64-Programm die einzige Software, dann aber strukturierte Hans W. Hohenester das Angebot neu. Der Software gab er den Namen „MICHEL soft 2“ und zur nächstfolgenden Messe 1988 in Essen bot der Schwaneberger Verlag neu programmierte Datenbanktechnik für die Commodore-Amiga-Rechner 500, 1000 und 2000 an. Längst setzte die Konkurrenz – besonders der Phil*Creativ Verlag aus Schwalmtal – auf MS-DOS-PC-Programme, aber Hohenester erschien damals die Amiga-Reihe und deren technische Möglichkeiten vielversprechender. Im Grunde hatte er – was die Sache anging – recht, aber er hatte nicht mit der Marktmacht der von IBM begonnenen handlichen „Personal Computer“ (PC) gerechnet, die gerade in Deutschland durch preiswerte Rechner diverser Anbieter sich geradezu flächendeckend ausbreiteten. So hatte der Schwaneberger Verlag bei PC-Programmen erst einmal das Nachsehen, holte aber schnell mit eigenen zusätzlichen PC-Programmen auf und überholte die gesamte Konkurrenz, als von Microsoft die Windows-Betriebssysteme das alte MS-DOS ablösten. Mochten die Grundprogramme vielleicht nicht immer Weltspitze sein, die redaktionelle Leistung der Verlagsmitarbeiter war es – und dies entschied letztendlich und auf Dauer jeden Vergleich.
 
thumb MICHEL3.5-10-10Während der 7. Internationalen Briefmarkenmesse in Essen 1988 wurde MICHELsoft 2 präsentiert.

Hans W. Hohenester blieb ein Visionär, denn er versuchte die Datenbankidee für den Verlag zu generalisieren und zu standardisieren. Ihm schwebte eine zentrale Datenbank vor, in der alle Katalognummern mit einzelnen Datensätzen hinterlegt wären, zu der dann die entsprechenden Abbildungen gehörten und – im Idealfall – der Redakteur im „Desktop Publishing“ nur noch Korrekturen und Preisveränderungen, ggf. auch Erweiterungen und ähnliches einzutragen hätte. Durchaus eine geniale Idee, allerdings zu dieser Zeit, Mitte bis Ende der 1980er-Jahre noch nicht mit damals verbreiteten Datenbanksystemen wie dbase, Clipper und anderen zu realisieren. Dafür war der Datenbestand im Schwaneberger Verlag viel zu groß und Marken noch nicht gescannt, weder die Technik noch die Manpower vorhanden.

Die Nachfolge Gerhard Webersinkes wurde mit der Einstellung von Klaus Richnow gelöst, der allerdings nur von 1994 bis 1996 Chefredakteur war. In dessen Zeit fällt der erste „MICHEL-Automatenmarken-Katalog ganze Welt“ (1994) und im gleichen Jahr der erste „MICHEL-Zeppelin- und Flugpost Spezial-Katalog“. Richnow, er wurde am 18. September 1940 in München geboren und war 34 Jahre Berufsoffizier, war 1993 in Pension gegangen, hatte die Chefredakteursaufgabe mit Feuereifer angegangen, allerdings bewirkten unüberbrückbare Differenzen mit der Geschäftsleitung eine vorzeitige Auflösung seines Vertrages. Ihm folgte 1996 Jochen Stenzke, der das Amt bis zum Juli 2008 wahrnahm.

Zu dieser Zeit, also Mitte der 1990er-Jahre, hatte der Schwaneberger Verlag die neue Hard- und Software – eine Eigenprogrammierung von Dataform – gefunden und es galt, den Bestand in die neue elektronische Datenbank einzugeben. Eine Sisyphusarbeit! Jährlich sind heute 10 000 und mehr Seiten zu bearbeiten, mehr als 500 neue anzulegen, dann der daraus entstehende Grobsatz im Satzprogramm zu überarbeiten, bis dann daraus ein Michel-Katalog oder – was seit einiger Zeit möglich ist – ein Individual-Katalog zu produzieren ist.
 
thumb MICHEL4.5-10-10 Auf der IBB Sindelfingen 1995 präsentiert Hans W. Hohenester die neuen elektronischen Produkte.

Hans W. Hohenester war – nach Wissen des Autors – auch der erste (der Phil*Creativ Verlag in Schwalmtal erst der zweite) philatelistische Verleger, der nicht nur im Internet vertreten war, sondern für dieses auch eine umfangreiche Konzeption entwickelte und realisieren ließ. Er sicherte sich rechtzeitig die besten Adressen, nicht nur – das versteht sich von selbst – www.michel.de, sondern auch www.briefmarken.de oder www.stamps.de, heute Adressen, die Gold wert sind, damals aber teuer jährlich zu bezahlen waren. Mit einem MICHEL-Sammler-Club, diversen Links zu Berufsphilatelisten, mit aktuellen Informationen und zusätzlichen „Features“ zählt diese Seite zum umfangreichsten und besten, was ein Verlag in Deutschland innerhalb der Philatelie zu bieten hat.
 
MICHEL6.5-10-10Die MICHEL-Startseite im Internet um 2000.

2000 stellte der Phil*Creativ-Verlag aus Schwalmtal seine PC-Software ein. Sie hatte ungezählte Freunde gefunden, die gerade die Multifunktionalität der Basis-Software schätzten. Aber im Bereich der redaktionellen Kataloge konnte sie schon aus Gründen fehlender personeller Ressourcen bei weitem nicht mit dem zunehmend stärker ausgebauten Katalog-Angebot des Schwaneberger Verlages mithalten. Diesem erwuchs aber zeitgleich neue Konkurrenz aus dem Verlagshause Philotax, die – bildlich gesprochen – der alten Senf/Michel-Konkurrenz im gedruckten Katalogbereich ähnelt.

1996 hatte der Gerber Verlag die Druckereigeschäfte eingestellt. Zwei Jahre später wurde Rudolf Hinter Geschäftsführer der Firma Gerber Satz GmbH, die zuvor „Fertig Satz“ geheißen hatte. Für den Schwaneberger Verlag ging das Problem des unüberschaubaren Katalogwachstums unterdessen weiter. 1997 musste die Übersee-Reihe in zehn Teilbände aufgeteilt werden, drei Jahre später die Europa-Reihe in vier Bände, 2001 – in diesem Jahr übernahm Hans W. Hohenester die Geschäftsführung – der Deutschland-Spezial in zwei Bände. Seit 2005 erscheinen die Europa-Kataloge gar in sieben Bänden und das wird absehbar nicht das Ende der Erweiterungen sein.

Seit August 2008 ist der seit 1980 im Verlag angestellte Oskar Klan Chefredakteur, das MICHEL-Team hat sich mit Alexandra und Melanie Baumann und anderen sichtbar verjüngt. Mit neuen Mitarbeitern will der Verlag auch zum hundertjährigen Jubiläum des ersten MICHEL-Kataloges der Zukunft Paroli bieten. Sicherlich keine leichte Aufgabe, zumal angesichts depressiv stimmender Wirtschaftsentwicklungen, die auch auf die Philatelie ihren Einfluss nehmen.

Eines hat allerdings der Schwaneberger Verlag in München geschafft: Er hat aus dem Verlag des Schwaneberger Albums eine Art philatelistisches Welt-Katalogimperium geschaffen, das heute mit der großen Zahl jährlich neuer, auch fremdsprachiger Produkte keinen Vergleich in der Welt zu scheuen braucht.
 
thumb MICHEL8.5-10-10Das MICHEL-Redaktionsteam

 

 


 

Text
Der Beitrag ist eine Kurzfassung aus dem 2010 erschienenen Buch von Wolfgang Maassen (AIJP) zu namhaften deutschen Katalogherausgebern (Band 1: Gebr. Senf – Paul Kohl; Band 2: Hugo Schwaneberger und Hugo Michel). In dieser ca. 600 Seiten starken Monografie werden alle Quellen zu den gebotenen Daten nachgewiesen, außerdem in umfangreichen Kapiteln eine vollständige Übersicht u.a. auch zu allen MICHEL-Katalogen geboten. Bestellung: Wolfgang Maassen, Sechs Linden 25, 41366 Schwalmtal.