An die MICHEL-Redaktion: Im Briefträgersaal ausgerufen

31.01.2018

MiR 2 2018 druckreif(mi) Sehr geehrte MICHEL-Redaktion,

in der Anlage erhalten Sie in Kopie einen Brief, frankiert mit drei Marken der Alliierten Besetzung MiNr. 5 zu je 8 Pfennig, abgestempelt in München am 6. April 1946. Auf der Rückseite des Briefes wurde ein Stempel angebracht mit dem Wortlaut „Im Briefträgersaal ausgerufen – 8. 4. ZURÜCK“. Dieser Stempel ist mir unbekannt. Können Sie mir etwas über diesen Stempel mitteilen?

Ich bedanke mich im Voraus und verbleibe

Mit freundlichen Grüßen

Rudolf T.

 

MiR 2 2018 druckreif-2Sehr geehrter Herr T.,

 

der Stempel „Im Briefträgersaal ausgerufen“ dokumentiert den Zustellversuch einer ungenügend adressierten Sendung, hier eines Briefes von München-Pasing nach Bad Reichenhall an einen Herrn Dr. Aurel Meyer, der angeblich im chemischen Labor tätig war.

 

Dem zuständigen Bearbeiter war der Adressat jedoch unbekannt, und so ließ er ihn im Briefträgersaal ausrufen. Im Briefträgersaal sortierten die Postboten jeden Morgen die Post für Ihren Zustellgang. Ein – vielleicht ortsansässiger – Briefträger, der immer den gleichen Zustellbezirk hat, kennt natürlich viele Anwohner und kann in vielen Fällen Auskunft über den Wohnort oder Arbeitsplatz des Adressaten geben. Über Dr. Aurel Meyer wusste aber offenbar keiner der Briefträger etwas zu sagen; und so wurde der Brief mit dem Stempel „8. 4. ZURÜCK“ für die Rücksendung bestimmt. 14 Tage später, am 23. April, ging der Brief wieder an den Absender.

 

Offensichtlich waren solche Fälle in Bad Reichenhall damals so häufig, dass ein eigener Stempel angefertigt wurde. Im Frühjahr 1946 kamen ca. 6000 „Displaced Persons“ in die an sich schon überfüllte Stadt Bad Reichenhall, wie man in Johannes Langs „Geschichte von Bad Reichenhall“ aus dem Jahr 2009 nachlesen kann. Aufgrund von Pogromen in Polen und weiteren osteuropäischen Staaten riss der Strom von jüdischen Flüchtlingen nach Deutschland nicht ab und konzentrierte sich vor allem in der amerikanischen Besatzungszone. Man errichtete eigene Lager für „Displaced Persons“; die größten davon entstanden in Bayern, unter anderem in Bad Reichenhall.

 

Mit freundlichen Grüßen

MICHEL

 

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