Die Philatelie gilt als eines der am detailliertesten erforschten Sammelgebiete überhaupt. Dennoch tauchen immer wieder Belege, Ganzsachen oder Stempel auf, die bislang weder in Standardkatalogen noch in der Fachliteratur beschrieben und registriert wurden. Solche Neufunde sind für Sammler und Postgeschichtler von besonderer Bedeutung, da sie das bekannte Wissen erweitern und häufig Anlass für neue Forschungen geben. Aktuelle Auktionen 2026 liefern dafür mehrere eindrucksvolle Beispiele.
Unter den herausragenden Belegen war ein bayerisches Postformular von 1889, das in der 127. Dr.-Derichs-Auktion (Los 625) angeboten wurde. Das Formular trägt die Bayern-Marken MiNr. 55A und 58A (5 Pfennig braunpurpur und 25 Pfennig hellbraun) und ist mit dem Stempel „Arnstorf 28. Jan. 89“ versehen. Nach Angaben des Auktionshauses handelt es sich um ein Formular, das in dieser Form bisher unbekannt war. Ein Fotoattest von Dr. Helbig BPP bestätigte die Echtheit beim Ausruf von 500 Euro. Das Stück stammte einst aus der renommierten Professor-Stenger-Sammlung (Dr. Derichs 2005) und später aus der Professor-Franz-Sammlung (2015).
Eine weitere Besonderheit bot das Auktionshaus Thomas Fischer. Dort wurde eine bayerische Ganzsache MiNr. P 23 mit Wasserzeichen „weite senkrechte Zickzacklinien“ und dem Kontrollzeichen „88“ angeboten. Laut Beschreibung handelt es sich um das bisher einzig bekannte Exemplar, zudem sei die Variante in der Literatur unbekannt. Der Schätzwert lag bei 250 Euro.
Auch die Vorphilatelie überrascht mit Neuentdeckungen. Karl Pfankuch & Co. offerierte einen Brief von 1812 mit einem bislang nicht katalogisierten französischen Leitstempel „FRANCE (PAR) WALSRO(DE)“. Nach Angaben des Hauses sei dieser Stempel selbst im Standardwerk von Feuser nicht verzeichnet (Ausruf 450 Euro).
Vom Hofpostamt Berlin
Beim Auktionshaus Rauhut & Kruschel fanden sich gleich mehrere bislang unbekannte postalische Besonderheiten. Eine Sammlung des Norddeutschen Postbezirks zu 200 Euro enthielt unter anderem einen bisher unbekannten Fahrpost-Zweikreisstempel „LÜBECK F.P.A.“. Unter Losnummer 28 gab es zum Startpreis von 90 Euro einen Faltbrief von 1836 mit einem bisher unbekannten Transitstempel „S.R.“ auf einem Brief von Frankfurt nach Francomont bei Verviers. Unter Los 1014 wurde ein blauer Einkreisstempel des Berliner Hofpostamtes auf zwei Postvorschussbriefen angeboten. Während dieser Stempel bislang nur bis zum 7. Dezember 1871 nachgewiesen war, belegen diese Briefe seine spätere Verwendung noch während der Zeit des Deutschen Reiches (Ausruf 90 Euro).
Solche Beispiele zeigen eindrucksvoll, dass selbst in den klassischen Sammelgebieten Altdeutschlands noch immer Neuentdeckungen möglich sind. Für die Forschung sind solche Stücke oft weit bedeutender als spektakuläre Seltenheiten mit hohen Katalogwerten. Sie schließen Lücken in der Dokumentation der Postgeschichte und können dazu beitragen, Handbücher wie Spezialkataloge zu ergänzen oder zu berichtigen.
Michael Burzan, AIJP