Der 200. Jahrestag der Unabhängigkeit der Vereinigten Staaten war 1976 nicht nur in Amerika ein nationales Großereignis. Auch zahlreiche europäische Postverwaltungen würdigten das Bicentennial mit Sonderbriefmarken. Die Ausgaben spiegeln die vielfältigen historischen, politischen und kulturellen Beziehungen Europas zu den Vereinigten Staaten wider und gehören bis heute zu den beliebtesten Sammelgebieten der Motivphilatelie.

Jedes Land setzte dabei eigene Akzente. Andorra ehrte Thomas Jefferson, den Hauptverfasser der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung und späteren dritten Präsidenten der USA. Belgien entschied sich für das offizielle Jubiläumslogo und unterstrich damit den internationalen Festcharakter des Bicentennials.

Die Bundesrepublik Deutschland stellte Carl Schurz in den Mittelpunkt – den aus Deutschland stammenden Revolutionär von 1848, der in den USA zu einem bedeutenden Politiker aufstieg. Zusammen mit dem Kapitol und der amerikanischen Flagge verweist die Marke auf die gemeinsamen demokratischen Traditionen beider Länder.

Luxemburg zeigte die Independence Hall in Philadelphia, den historischen Ort der Verabschiedung der Unabhängigkeitserklärung. Monaco griff mit der berühmten Freiheitsglocke (Liberty Bell) eines der bekanntesten Symbole der amerikanischen Geschichte auf und ergänzte die Ausgabe durch einen seltenen Erinnerungsblock.

Portugal verband das Jubiläum mit der internationalen Briefmarkenausstellung Interphil ’76 in Philadelphia - wie auch verschiedene Länder Osteuropas - und hob damit zugleich die weltweite Bedeutung der Philatelie hervor. Zypern schließlich ehrte den ersten amerikanischen Präsidenten George Washington mit einem Porträt nach Rembrandt Peale.

 

Kolonialgeschichte

Auch die ehemaligen europäischen Kolonialmächte beteiligten sich mit bemerkenswerten Ausgaben. Frankreich stellte den Außenminister Charles Gravier de Vergennes und Benjamin Franklin gemeinsam dar und erinnerte damit an die entscheidende französische Unterstützung im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg. Großbritannien wählte ebenfalls Benjamin Franklin als Motiv – ein bemerkenswertes Zeichen der Aussöhnung zweihundert Jahre nach der Loslösung der amerikanischen Kolonien vom britischen Mutterland.

Besonders historisch orientiert fiel die vierwertige Ausgabe Spaniens aus. Sie erinnert an den oft unterschätzten Beitrag Spaniens zum amerikanischen Unabhängigkeitskrieg und würdigte die militärische Unterstützung für die amerikanische Sache.

Die europäischen Bicentennial-Ausgaben von 1976 zeigen eindrucksvoll, wie unterschiedlich die Länder den 200. Geburtstag der Vereinigten Staaten interpretierten. Persönlichkeiten wie Jefferson, Franklin, Washington oder Schurz, historische Bauwerke, nationale Symbole und bedeutende Ereignisse verbinden sich zu einem facettenreichen Spiegel transatlantischer Geschichte – und zu einem bis heute faszinierenden Kapitel der internationalen Philatelie.

 

Michael Burzan, AIJP